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Eröffnungsfilm: AUSTRIAN CLASSICS

 

AUF ALLEN MEEREN

Ein Film von Johannes Holzhausen

102 min., 5.1., D/AT 2026

Premiere: BERLINALE 2002

Synopsis

Der Flugzeugträger Kiev war einst Stolz und Symbol der sowjetischen Marine – ein Koloss der See, eine unbezwingbare Festung. 1994 aufgegeben, tritt das inzwischen verrostete Schiff seine letzte Reise an: In China soll es als Erlebnispark für Touristen endgültig vor Anker gehen.

Holzhausen, der die Kiev mehr als fünf Jahre begleitet hat, stellt jene Männer in den Mittelpunkt des Filmes, die seit dem Stapellauf 1972 auf der Kiev gedient haben. Die Geschichten dieser Menschen sind mit dem Schicksal des Schiffes eng verbunden: Mit dem Zerfall der Sowjetunion haben auch sie ihren Platz in der Gesellschaft verloren. Die Kiev ist längst zum Erinnerungsbild geworden; ein Geisterschiff, das beständig durch die Träume ihrer früheren Besatzung kreuzt.

AUF ALLEN MEEREN entwirft ein differenziertes Bild von der Zeit der Orientierungslosigkeit nach dem Untergang der Großmacht Sowjetunion. „Die Flagge“, meint einer, „ist schon halb zerfranst – so ist es auch mit unseren Leben.“

Credits

 

  • Walentin Alexandrowitsch Petschatin
  • Sergej Tscherwonnyj
  • Michail Pawlowitsch Mojsejew
  • Nikolaj Andrejewitsch Melach
  • N. A. Bobrakow

A/CH/D 2001, 35 mm, 1:1,66, 95 min, Farbe

Originalfassung: Russisch mit deutschen Untertiteln

Produktion Navigator Film

Koproduktion Dschoint Ventschr

Peter Stockhaus Filmproduktion

Buch, Regie Johannes Holzhausen

Dramaturgische Beratung       Constantin Wulff

Regieassistenz Susanne Kotrba

Julia Solovieva

Kamera Joerg Burger

Schnitt, Sounddesign Michael Palm

Ton                                                    Sergej Moshkov

Produktionsleitung Johannes Rosenberger

Schnittassistenz Regina Höllbacher

Aufnahmeleitung Galina Antoshevskaja

Ursula Wolschlager

Vitali Kalinin

Produzenten Johannes Rosenberger, Constantin Wulff

Koproduzenten Peter Stockhaus (D)

Werner Schweizer (CH)

gefördert von BKA – Kunstsektion, Eurimages, Wiener Film Fonds, ZDF/ARTE

ORF, SF DRS, Schweizer Bundesamt für Kultur, Media

Wege und Umwege – Der Regisseur über seinen Film

AUF ALLEN MEEREN war ein langwieriges Projekt. Alles begann damit, dass ein Freund mir 1993 vom sukzessiven Verkauf fast aller russischen Kriegschiffe erzählte. Die selbst nicht mehr fahrtüchtigen Schiffe würden von Schleppern nach Asien zur Verschrottung gebracht.

Diese Geschichte interessierte mich, und ich begann, zunächst sporadisch, daran zu arbeiten. 1995 entstand daraus die Videorecherche Das letzte Ufer, die die Fahrt eines russischen Kriegschiffs von Singapur nach Indien beschreibt. Dieses Video diente mir als Basis für die Finanzierung und Drehbucherstellung von AUF ALLEN MEEREN.

In dieser Zeit war der Flugzeugträger Kiev, immerhin das größte Überwasserschiff der sowjetischen Kriegsmarine, zum Verkauf vorgesehen, und ich beschloss, dass dieses Schiff der Ausgangspunkt für AUF ALLEN MEEREN sein sollte. 1997 begannen wir mit der ersten Drehphase in St. Petersburg, mit Protagonisten von der Kiev, ohne offizielle Drehgenehmigung, ohne zu wissen, wann genau die letzte Reise des Schiffs zu seiner Verschrottung tatsächlich stattfinden würde. Ich recherchierte und drehte danach in der Ukraine mit weiteren Protagonisten, immer im Hinblick auf das dramaturgische Gegengewicht dieser letzten Fahrt. Allerdings: Kaufinteressenten für das Schiff kamen und gingen zwar, aber letztlich blieb es ein Ladenhüter. Im August 1998 erhielten wir immerhin – nach eineinhalbjähriger Arbeit – die Genehmigung der Kriegsmarine, die Kiev an ihrem Ankerplatz im Norden bei Murmansk zu filmen. Dort saßen uns jedoch die Presseabteilung und der Geheimdienst so im Nacken, dass der Spielraum für die Dreharbeiten sehr gering war, zumindest für jemanden wie mich, der sich viel Zeit nehmen will, um das Vertrauen seiner Protagonisten zu gewinnen, und der Drehentscheidungen aus der Dynamik der jeweiligen Situation heraus trifft – also so ziemlich das Gegenteil von dem, was sich Militärs vorstellen. Während dieses an sich schon sehr schwierigen Drehs ereignete sich der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes. Zurück in Österreich begannen wir mit dem ersten Schnitt, der allerdings an dem fehlenden „Hauptprotagonisten“ krankte. Ich hoffte, ich wartete ab, ich zögerte die Fertigstellung des Films hinaus – und endlich, im Januar 2000, gab es eine Wendung: Es fand sich ein chinesischer Käufer für das Schiff (übrigens bereits der dritte Flugzeugträger, den China aus den Restbeständen der sowjetischen Marine erworben hat), wir konnten die Kiev auf ihrer letzten Fahrt begleiten, das Material war vollständig, wir schnitten wieder, und im Oktober 2001 war der Film fertig. 

1993 wusste ich wenig über Russland, über Schiffe, über das Militär. Zwei Umstände haben damals mein Interesse geweckt. Zum einen die romantische Neugierde des Binnenländers auf das Meer, die Seefahrt, und der Wunsch, solch einen fliegenden Holländer zu begleiten. Zum anderen beschäftigte mich die Frage, was eigentlich aus all den ehemaligen Marineoffizieren wurde, die früher stolze Sowjetbürger mit hohem sozialen Ansehen waren, aber durch den Lauf der Geschichte plötzlich von niemanden mehr gebraucht wurden. Wie würden diese Militärs ihre plötzliche Bedeutungslosigkeit verarbeiten? Durch die äußeren Umstände gezwungen, mussten sie sich doch Fragen nach dem Sinn ihres gesamten bisherigen Tuns, ihres Daseins stellen. Was für Menschen, was für seelische Landschaften würde ich antreffen? Nun, nach Gesprächen mit beinahe hundert Marineoffizieren und einigen tausend Fragen, die ich gestellt habe, kenne ich die „Anatomie“ des russischen Offiziers besser, als mir manchmal lieb war.

Im Film sind sieben Protagonisten zu sehen, von denen jeder auf seine Art existentiell mit dem Schiff verbunden ist. Ich porträtiere sie unter einem psychologischen Aspekt, denn darin liegt ganz grundsätzlich mein filmisches Interesse.

So ist zwar Anlass und roter Faden des Films das Schiff, aber es ist nicht das Thema, es dient mir lediglich als Projektionsfläche für Erinnerungen, Phantasien, Verklärungen, Verdrängungen. Der Blick meiner Protagonisten auf das Abwesende und ihr Schicksal in der Wechselwirkung von Tradition, Geschichte und individueller Entscheidungsfreiheit haben mich mehr interessiert als eine militärische Geschichte des Kalten Krieges. Wenn sich etwas von unserer Anteilnahme für diese Menschen und ihre Verletztheit auf den Zuschauer überträgt, hat sich diese langwierige Arbeit für mein Team und mich gelohnt.

Johannes Holzhausen

 

 

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